explain it on the train…

Offline bloggen ist nicht toll! Soll heißen, ich sitze mit Stift und Papier in einem Zug auf dem Weg in meine düstere neue „Heimat“Stadt und im Rücken glänzt die Stadt, in der selbst die Sonne heller und der Himmel blauer zu sein scheint.

train_window

Ich sitze im RE, Kurzform für Regionalexpress. Mehrere DB-Mitarbeiter sitzen in einer 4er Sitzgruppe hinter mir. Eine junge Frau mit rotem Stirnband, Anfang 20, sitzt mir gegenüber. 2 Plätze neben ihr sitzt ein Mann. Langes weißes Haar und langer weißer Bart mit gelben Nikotineinfärbungen um Nasenloch und Oberlippe. Seine Gestalt ist von recht dünner Natur, welche sich in dem zu groß geratenem beigen Mantel zu verirren scheint. Er trägt, um sein Outfit zu komplettieren, braune Lederslipper und eine schwarze Anzughose, deren Bügelfalte nur noch in Ansätzen zu erahnen ist.

Sein faltiges Gesicht scheint manche Geschichte erzählen zu wollen. Seine vermeintliche Habe hat er in 4 Tüten verpackt. Eine große LIDL-Tüte, 2 Plustüten und einen weißen Stoffbeutel. Fahrscheinkontrolle. Aus seiner Mantelinnentasche zieht er mit zittriger Hand ein auberginefarbenes Lederportemonnaie hervor. Ein schneller Blick auf sein „wahres“ Gesicht entblößt er beim öffnen der Geldbörse, als er der Kontrolleurin seine  Fahrschein zeigt und ich kurz das Foto auf einem Behindertenausweis oder Rentnerausweis erhaschen kann. Es offenbart sich unter der Haarpracht im Gesicht, ein ca. 65 jähriger Mann mit magerer Gestalt. Ein ganz normaler alter Mann, wie es ihn zu tausenden in den Straßen dieser Welt gibt.

Doch was macht diesen Mann besonder, dass er aus der Masse heraussticht? Eigentlich nichts. Nur die Tatsache, das seine langen Haare „leicht“ fettig und ungepflegt sind und der Bart schon seit einiger Zeit eine Rasur vertragen könnte. Der Zug hält. Eine gedrungene Frau mit gequollenem Gesicht steigt die Treppen zu oberen Teil des RE hinauf. Ihre herausgewachsene Blondierung und Dauerwelle verraten wohl ihre Herkunft in der sozialen Ordnung unserer Gesellschaft. Ihre Augen scheinen zu schreien:

„Bitte lass woanders Platz frei sein, als neben diesem Monster!“.

Doch ist es nicht gerade sie, durch ihre vorwurfsvollen Blicke, das eigentliche Monster ist neben dem niemand sitzen will?

Der Mann greift in seinen Stoffbeutel und zieht einen silbrig glänzenden Teelöffel und eine Packung Wildkräutersalami hervor. Reißt die Verpackung mit zittriger Hand auf und ist die 100g Packung auf. Aus der Plustüte glitzert der obere Teil einer Verkaufseinheit American-Toast hervor, jedoch ohne den Klipp preis zu geben auf dem das Haltbarkeitsdatum steht. Der Mann bückt sich und greift in eine der Plustüten. Als er sich wieder aufrichtet hält er eine Toastscheibe in der Hand. Er dreht sich leicht nach rechts und greift nun in den Stoffbeutel, den Löffel stetig in der Hand haltend und holt eine Packung Zimbo Corned-Beef heraus. Welche er anschließend mit Hilfe des Löffels komplett auf der Toastscheibe drapiert.

Ist das was ich gerade betreibe eigentlich noch normale gesellschaftliche  Offenraumbetrachtung? Oder ist es schon wahnhafter Voyeurismus einer Einzelperson?

Die Frau mir gegenüber steht auf und geht die Treppe herunter und setzt sich an ein Fenster um die strahlende Frühlingssonne zu genießen. Kleine Klangfetzen aus ihrem Kopfhörer erreichen mich in kleinen Klangscheiben zusammen mit dem Rattern der Schienen. Der Mann blickt zu ihr herunter. Als er seinen Kopf wieder nach oben bewegt lässt er seinen Blick durch den oberen Teil des Zuges wandern und dabei treffen sich unsere Blicke und dabei kann ich zu ersten mal in seine Augen schauen. Er sieht so aus als würde er sich fragen: „Warum ist sie gegangen? Was habe ich falsch gemacht?“.

old_man

Er hat tiefe dunkelbraune Augen, welche von einer seichten Grundmelancholie gezeichnet sind. Ein solche Stimmung in den Augen tritt wohl dann ein, wenn eine geliebte Person im näheren Umfeld stirbt. In seinem Fall womöglich seine Frau oder gar sein Kind. In meiner echten Heimatstadt gab es mal einen einen bekannten Mordfall, bei welchem ein kleiner Junge ermordet wurde. Der damalige Täter machte der Familie noch mit einigen Briefen Hoffnung, aber der Täter hatte den Jungen bereits am gleichen Tag der Entführung getötet. Der Vater des Jungen verkraftete diesen Schicksalsschlag nicht und begann zu trinken. Sein Leben zerbrach in letzter Konsequenz am Alkohol und er verstarb vor ca. 2 Jahren als verarmter Straßenblumenverkäufer an den Folgen seines jahrelangen Alkoholismus.

Das eben gezeichnete Bild ist wohl etwas zu dramatisiert, bezogen auf den alten Mann. Dennoch hat er wohl manch harte Zeit in seinem Leben vollbringen dürfen und müssen. Noch 2 Minuten bis zur Endstation. Ich verpacke mein Schreibzeug und befreie meine Ohrmuscheln von der Umklammerung der musikalischen Untermalung durch „The Fashion“. Mein Kopf hebt sich, ich schaue den Mann an, er mich und spricht mich an.

Er: „Ich bin auch Lyriker!“

Ich etwas verdattert, da er undeutlich sprach: „Wie bitte?“

Er: „Ich bin auch Lyriker! Sie haben ja auch die ganze Zeit geschrieben.“

Ich: „Aha!“ (Er hat mich also beobachtet und ich bin nicht der einzige Voyeur hier im Zug)

Er zieht eine mit Papier gefüllte Klarsichthülle aus dem Stoffbeutel und reicht sie mir: „Hier schaun sie mal.“

Ich überrascht: „Und was ist das?“

Er: „Das hab ich geschrieben.“

Die junge Frau kommt die Treppe wieder herauf und verpackt ihren MP3-Player in ihren braunen Stofftasche. Ich senke meinen Blick nach unten um kurz in seinem Manuskript zu lesen. Ich sehe nur noch schwarze Zeichen auf weißem Grund und höre wie der Mann die Frau anspricht.

Er: „Ich werde verfolgt!“

Sie überrascht: „Von wem denn?“

Er: „Wie Bitte?“

Sie: „Von wem werden sie denn verfolgt?“

Er: „Das kann ich ihnen nicht sagen. Aber ich habe so einige Sachen herausgefunden und jetzt versuchen die mich umzubringen.“

Ich denke nur: „Ohh krass, was ist denn hier los? Illuminaten, Mossad oder Freimaurer, Skulls & Bones, KGB, Stasi.“

Sie bleibt ruhig und stellt erneut eine Frage: „Was haben sie denn herausgefunden, das man sie umbringen will?“

Er: „Ich habe herausgefunden wer die Gebrüder Robert und John Kennedy umgebracht hat. Ich weiß auch wer die erste Maschine am 11. September geflogen hat und ich weiß wer Martin Luther King erschossen hat.“

Stille

illuminatus

Ich versuche weiter im Manuskript zu lesen. Es heißt „Daniel!“. Es sind wirre Aneinanderreihungen von Gedanken. Markant ist, dass die Buchstaben die im Wort Daniel vorkommen, also D, A, N, I, E, L im Text großgeschrieben sind. Der Zug fährt in den Bahnhof ein. Ich gebe dem Mann seine Schriftstücke wieder und frage ihn.

Ich: „Ist das beabsichtigt, das bestimmte Buchstaben großgeschrieben sind?“

Er: „Ja ist es!“

Ich neugierig: „Und warum?“

Er: „Das kann ich ihnen nicht sagen. Das ist mein Geheimnis! Deshalb werde ich ja verfolgt.“

Ich: „Deswegen reisen sie von Stadt zu Stadt oder wohnen sie hier?“

Er: „Ich wohne mal hier und mal dort. Immer wenn ich denke das die mich finden, ziehe ich weiter.“

Der Zug hält. Ich verabschiede mich von dem Mann mit den Worten:

„Tschüß, machen sie es gut und lassen sie sich nicht von den erwischen!“.

Ich gehe die Treppe runter und er ruft mir nach:

„Das, die ihn nie kriegen werden!“.

Ich drehe mich kurz vor verlassen des Zuges nochmal um und rufe zurück:

„Das will ich auch hoffen!“.

Strange diese Welt! Aber interessant zugleich! Ich fühle mich jetzt beim Schreiben dieses Beitrags irgendwie in den Film „Fletchers Visionen“ versetzt. Dieser handelt ebenfalls von Verschwörungstheorien. Wahnsinn. Das lustige an der ganzen Geschichte ist eigentlich, das ich einen Beitrag über „23“ schreiben wollte. Ich hatte mir auf der Titelseite des Tagesspiegels schon jedes 23 Wort markiert, habe dann aber die Lust verloren immer weiter zu zählen. Vielleicht ist das eine Eingebung gewesen dies weiter zu verfolgen. Die Welt ist eine einzigste Verschwörung…

Bildquelle1

Bildquelle2

Bildquelle3

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3 Gedanken zu “explain it on the train…

  1. danke, was nicht alles bei so ner zugfahrt aus dem geiste entspringt. 🙂

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